Im Jahrhundert der Einsamkeit 

Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren so viele Menschen so einsam wie heute.

Frauen brauchen Verbündete

Einsamkeit stresst: Deshalb baut Adelheid Reik (60) ein Freundschaftsnetzwerk für Frauen auf.
Im AZ-Interview erklärt sie wie das geht und warum jede Frau 15 Freundinnen haben sollte.

Artikel in der Abendzeitung vom 21.02.2022

Eva von Steinburg

Der Großteil der Frauen, mit denen ich arbeite, betrachtet sich nicht als einsam. Sie stimmen aber zu, wenn ich sie frage, ob sie Phasen in ihrem Leben hatten oder haben, in denen sie wenig oder vielleicht auch gar keine verlässlichen Kontakte hatten. Diese Frauen haben eine

Solitär-Biografie. Ein deutlicher Unterschied zur Einsamkeit

und wesentlich besser zu bearbeiten. 


Noch aber fällt vielen leichter, mit den "alte" Begriffen umzugehen. Deshalb nutze ich für Erklärungen auch diese Begriffe: 

Einsamkeit gehört zum Leben einfach dazu. 

Phasen der Einsamkeit sind Teil des Lebens. Oft treten sie in Übergangs- oder Veränderungsphasen auf, sie begleiten uns eine Weile und verschwinden wieder. So weit - so normal.

Anders verhält es sich, wenn Einsamkeit chronisch wird. 

Dann fehlen uns Schutz, Austausch, Nähe und Gemeinschaft. Wir verlieren nach und nach das Vertrauen in andere Menschen und in das Leben als Ganzes. Wir geraten in einen stressvollen Grundzustand, sind weniger in der Lage, uns zu entspannen und reagieren dünnhäutiger auf oft harmlose Kommentare anderer Menschen. 

Sich einsam zu fühlen, hat nichts mit mangelnder Selbstbeherrschung zu tun.

Es ist ein tragischer Irrtum zu denken, dass ein erwachsener Menschen Einsamkeit "aushalten" könnten müsste. Einsamkeit ist grundsätzlich ein wichtiges biologisches Signal. Unser Organismus schaltet im übertragenen Sinne die "rote Lampe" an. Ähnlich wie wir auf ein rotes Licht im Armaturenbrett im Auto reagieren, sollte wir jetzt baldmöglichst unseren "Betriebszustand" überprüfen. Wir haben die Mitteilung erhalten, dass wir aus dem Schutz einer Gruppe herausgefallen sind. Ein Umstand, der in der Geschichte der Menschheit schnell zum Tod des Individuums führen konnte. 

Heutzutage brauche ich keine Clan mehr. Ich kann alles selber.

Die Zeit, in der wir viele Hände brauchten, um an Lebensmittel und Kleidung zu kommen, sind vorbei. Alles, was wir benötigen, können wir uns einfach kaufen. Versorgungsleistungen werden durch Versicherungen bezahlt, im Notfall sind wir zum Erhalt staatlicher Grundsicherung berechtigt. Zweifellos - ein Überleben ist auch ohne soziales Netz möglich. Aber das Leben hat so viel mehr zu bieten, als den schieren Überlebensmodus. Und für fast alles, was darüber hinaus geht, brauchen wir andere Menschen. Wir brauchen es, uns mitteilen zu können. Wir brauchen Inspiration, manchmal Trost und immer wieder mal die Einsicht in die Art und Weise wie andere Menschen die Welt sehen. Gemeinsam zu lachen hebt die Stimmung, entspannt die Situation und kann sogar Probleme schrumpfen lassen. Wenn wir traurig sind, ist es das Mitgefühl und die Nähe anderer, die alles Leid erträglich machen. Wir lieben das Gefühl gebraucht und gesehen zu werden und auch Nähe und Intimität machen zu zweit ohnehin viel mehr Spaß.

Einsam sind nur Leute, die etwas seltsam sind. Ich bin aber völlig normal.

Ja, das bist Du. Woher ich das weiß? Weil so viele Menschen genau das denken, dass neugierige Wissenschaftler diesen Glauben in mehreren Studien untersucht haben. And guess what: Lauter normalen Leute, die von sich denken, dass sie vielleicht etwas seltsam sind, weil sie sich einsam fühlen. Wenn Du kannst, streiche diesen Satz aus Deinem Denken.

Mir ist es peinlich zuzugeben, dass ich einsam bin.

Für den Anfang reicht es völlig aus, wenn Du ehrlich zu Dir bist. Und wenn Du beschließt, das zu ändern.

Ich werde mich später um einen Freundeskreis kümmern.

Dann kann es zu spät sein. Freundschaftsaufbau braucht Zeit. Nach einer Studie braucht es über 200 Stunden, damit aus "Bekannten" "beste Freunde" werden.  Angenommen, Dir begegnet ein Mensch, mit dem Du befreundet sein möchtest und Du triffst diese Menschen für 2 Std. /Monat - dann wären das 8 Jahre...

Das hört sich nach Arbeit an. Freundschaft muss doch leicht sein?

Für den Freundschaftsaufbau sind Zeit für gemeinsame Aktivität und eine gewisse Beharrlichkeit unabdingbar. Und das wars auch schon.